Tagebuch

Uferlos

uferlos

Seit zwei Stunden sitze ich vor diesem Artikel und frage mich, wo ich nur beginnen soll. Eigentlich ist es egal, denn der Gedanke ist genauso uferlos, wie das Thema selbst. Ich fühle mich als würde ich in einem gigantischen See vor mich hinpaddeln und nie ein Ufer erreichen.

Freitagabend habe ich mich mit dem Prinzen darüber unterhalten. Eigentlich ein blödes Thema, vor allem am eigenen Geburtstag, doch musste es einfach mal raus und es war ein gutes (und sehr langes) Gespräch. Wir haben über Ängste gesprochen und über gerechtfertigte oder nicht gerechtfertigte Überforderung.

Kennst du diese Tage, an denen du aufstehst, voller Elan und Tatendrang?

Während du dein Frühstück zu dir nimmst, stellst du dir einen Plan auf, was du alles an diesem Tag machen möchtest. Dinge die du im Haushalt zu tun hast, für die Arbeit und jene die einfach mal erledigt gehören. Und dann zieht der Tag an dir vorbei und das Ergebnis des Tages ist… enttäuschend. Irgendwie hat dir das Leben einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun nimmst du dir vielleicht für den nächsten Tag vor, diese Aufgaben zu erfüllen. Was macht es schon, wenn man mal einen schlechten Tag hatte?

Jetzt stell dir vor, es passiert dir mehrmals und im schlimmsten Fall, an mehreren Tagen hintereinander. Irgendwann ist die Menge an Aufgaben unüberschaubar und schier unmöglich zu bewältigen.

Die unerledigten Aufgaben lasten schwer auf meinen Schultern und manche scheinen mich fast zu paralysieren. Paralysieren in dem Sinne, dass ich mir nicht erlaube etwas zu tun, das Spaß macht. Und selbst wenn ich es versuche, macht es keinen Spaß, weil ich diese eine Aufgabe (oder ganz viele) im Nacken habe, die mich daran erinnern, dass ich etwas anderes tun sollte. Es fühlt sich manchmal an, als würde es mir die Luft zum Atmen nehmen, ich fühle mich als könnte ich Urlaub von all dem gebrauchen. Einfach mal ausbrechen… raus aus all den negativen Gedanken und den nörgelnden Aufgaben.

An manchen Abenden schreibe ich mir auf, was ich am nächsten Tag erledigen möchte. Dann kommt die Migräne, ein grippaler Infekt oder irgendein anderer Einspruch den das Leben für einen gerade parat hat. An Tagen mit Migräne bin ich zu nichts zu gebrauchen, ganz egal ob ich Schmerzmittel nehme oder nicht. Auch an den Tagen nach der Migräne, komme ich häufig zu nichts, weil ich völlig platt bin. Migräne ist für den Körper äußerst anstrengend. Nun kommt der Prinz nach Hause, von einem anstrengenden Arbeitstag, musste vielleicht auf dem Heimweg schon einkaufen, weil ich nicht in der Lage dazu war und dann auch noch kochen. Ich fühle mich nutzlos… unbrauchbar… diesem Mann nicht würdig, der alles für mich tut und ich nicht alles für ihn tun kann, weil ich einfach nichts auf die Reihe kriege!

Dieses Gefühl der Nutzlosigkeit zieht große Kreise, wie ein Stein, der in ein stilles Gewässer fällt.

Die Kreise werden immer und immer größer, sie beeinflussen Teile des Lebens, die mit der eigentlichen Aufgabe schon lange nichts mehr zu tun haben. Und selbst wenn da keine Migräne ist, ist die Liste der Dinge mittlerweile so lang… so erdrückend. Ich sehe keinen Ausweg mehr. Ich ertrinke in meiner Nutzlosigkeit, meiner Unfähigkeit.

Es greift wirklich auf alle Gebiete des Lebens über. Den tagtäglichen Haushalt, die Arbeit, die Freizeitbeschäftigungen und die Abnahme. Ausgerechnet auf mein Abnahmevorhaben. Ich hatte das bereits im Griff, nach Punkten zu essen, mich an meinen Plan zu halten, Sport zu machen, Mahlzeitenpläne zu erstellen und knallhart durchzuziehen. Und jetzt? Seit ein paar Monaten kämpfe ich darum, diese Disziplin, die ich einmal an den Tag gelegt hatte, wieder aufzubauen. Und nein, es fing nicht mit dem Austritt aus der WW-Gruppe an, sondern schon Wochen oder gar Monate zuvor. Womit ich wieder an dem Punkt wäre, dass ich mir nicht erlauben kann, meinen Fokus auf etwas zu legen, weil mir etwas anderes unter den Fingernägeln brennt. Ich bin einfach nicht mit vollem Herzen dabei, obwohl ich es eigentlich gerne wäre. Und weil es mit diesem Punkt gerade auch nicht wirklich vorwärts geht, schürt die Angst natürlich ein ganz großes Feuer in meinem Gedankenlabyrinth an: Was, wenn ich NIEMALS mein Ziel erreiche? Diese Angst wächst und lähmt mich zusätzlich. Irgendwie sind diese (damals kleinen) Aufgaben zu einem gigantischen Teufelkreis gewachsen. Schaffe ich das eine, vernachlässige ich einen Teil von etwas anderem. Bin frustriert und dann schaffe ich plötzlich gar nichts mehr.

Wie du bestimmt schon merkst, schreibe ich wirr und finde fast keinen Übergang zu den Punkten, obwohl sie zusammenhängen und im Moment mein gesamtes Leben beeinflussen. Deswegen beende ich an dieser Stelle diesen Beitrag, denn ich denke, dass er eigentlich genau das ausdrückt, was er ausdrücken soll.

Ferne Ufer, die gerade nicht zu erreichen sind.

8 thoughts on “Uferlos

  1. Guten Morgen,
    zunächst einmal finde ich es wirklich toll und mutig, dass du diesen Artikel veröffentlicht hast. Ich hatte bereits mehrfach ähnliche Phasen. Zuletzt von Oktober 2015 bis März 2016 und auch bei mir hat es sich auf mein gesamtes Leben und meine Psyche furchtbar ausgewirkt. Ich habe alle WW Treffen geschwänzt, fast 10kg zugenommen, war auf der Arbeit zwischenzeitlich ungenießbar, habe Freunde und Familie vernachlässigt und so weiter.
    Inzwischen geht es mir seit 3 Wochen deutlich besser und ich versuche langsam wieder zurück ins Leben zu finden. Ich glaube, dass solche Phasen normal sind, vor allem dann, wenn man prinzipiell jeden Tag diszipliniert sein muss. Wir müssen immer aufpassen und uns immer zusammen reissen, damit wir nicht mehr essen oder andere Prioritäten schleifen lassen. Ich habe dann einfach bewusst Pause gemacht (dachte ich zumindest) und bin erst vor kurzem wieder ‘aufgewacht’ (als mein Gewicht sich dem gefürchteten dreistelligen Betrag wieder näherte).
    Prinzipiell finde ich es gut bewusst zu entschleunigen, ohne komplett aufzugeben. Für mich heißt das 1x Sport alle 2 Wochen ist besser als gar nicht. Sich bei Freunden melden uns ihnen erklären wie es mir geht, damit ich mich auch mal ein paar Wochen nicht melden ‘muss’. Akzeptieren, dass man Mensch ist und jeder Mensch andere Grenzen hat. Und manchmal muss man halt drei oder vier Gange zurück schalten und langsam weitermachen.
    Ich fürchte mich jetzt schon vor der nächsten Tiefphase, aber bis dahin versuche ich bewusst zu leben und mich selbst nicht so zu stressen. I am my own worst critic. Also versuche ich mich selbst zu lieben und mich mit meinen Schwächen zu akzeptieren.
    Ich hoffe du schaffst das auch! Denn es bleibt dabei: für mich bist du eine tolle Motivation – auch uferlos.
    Hoffe dieser Text war nicht zu verwirrend. 😉

    1. Guten Abend Ian. 🙂
      Ein sehr später, nicht nur von der Uhrzeit her.
      Vielen Dank, gerade solche (ersten) Sätze motivieren mich, offener mit solchen Themen umzugehen. :-*
      Nein der Text war gar nicht verwirrend. Ich kann das sehr gut nachempfinden, was du erzählst und muss dir absolut recht geben: Lieber ein bisschen von allem, als gar nichts davon. So möchte ich es in Zukunft auch handhaben, aber ich muss trotzdem darauf achten, dass ich dann nicht zur Couch-Potato mutiere. *haha*
      Jetzt hab ich aber schon das ein oder andere Tränchen verdrückt. Danke. Es freut mich, wenn ich dich (auch uferlos) noch motivieren kann. ^^

      Freue mich schon auf deinen nächsten Besuch.
      Ganz liebe Grüße ♥

  2. ich finde das gar nicht so wirr und unzusammenhängend und ich kenne das auch gut. wobei ich sagen muss, dass ich in den letzten jahren gelernt habe, mich weniger damit unter druck zu setzen. ich kenne das gefühl, dem mann nicht würdig zu sein, weil der körper nicht so mitspielt, dank meinem rücken auch mehr als gut. darauf hab ich selber auch noch keine antwort gefunden. an den anderen bereichen arbeite ich. früher, als ich noch studiert hab, war das besonders schlimm, weil es immer was zu lernen gegeben hätte und ich prokrastiniert hab und mir dann auch nichts sinnvolles zugestehen konnte, weil ich ja noch pflichten zu erledigen hatte, für die ich den ganzen tag einfach zu faul gewesen war. ich hab damals deswegen soviel lebenszeit verpasst, dass ich mir das weitgehend zum glück abgewöhnt habe – weil das schlechte gewissen und sich verbieten einen auch nicht mehr erledigen lässt.
    aber das gefühl, dass einem das leben (oder der körper) bei plänen und wünschen und zielen dazwischenkommt, ist für mich auch ein dilemma.
    allerdings glaube ich, dass da in meiner letzten therapiestunde ein kleiner groschen gefallen ist. ich weiß nicht, ob dir das hilft, weil bei mir natürlich einiges davor passiert ist, bis der satz kam und in der situation konnte ich das irgendwo annehmen: meine therapeutin sagte mir, dass ich immer so hart zu mir bin und dass ich lernen sollte, mitgefühl für mich zu empfinden, weil man hindernisse im leben nicht bekämpfen oder ignorieren kann. diese dinge sagen uns etwas und darum muss man lernen, sie anzunehmen und sie zu verstehen, alles andere macht es nur noch schlimmer. bei mir kam das irgendwie als endergebnis einer traumbesprechung, aber ich könnte mir vorstellen, dass das bei dir ähnlich ist.
    warum verurteilst du dich, wenn du das nicht erreichst? dem liegt wahrscheilnich etwas zugrunde. du liegst nicht faul herum und es ist dir egal, es gibt gründe, warum du es nicht schaffst. sei nicht so hart zu dir, das hast du nicht verdient.

    1. “[…] weil das schlechte gewissen und sich verbieten einen auch nicht mehr erledigen lässt.” Da bin ich absolut deiner Meinung. Es ist nur schwer es abzustellen. Aber ich kämpfe und arbeite daran. Eigentlich bin ich viel lieber glücklich und freue mich über Dinge, die ich geschafft habe. 😀 Auch wenn es Tage gibt, an denen es vielleicht nicht viel sein mag.
      Ich hoffe wir beide finden bald den Weg aus diesem Dilemma und können dann unsere Wünsche und Ziele mit vollem Elan verfolgen! ♥

      WOW! Deine Therapeutin ist wirklich gut. Ja das hilft tatsächlich ein wenig. Ich glaube das schreibe ich mir gleich mal in mein Journal. Muss ich festhalten, damit ich es immer wieder lesen kann, wenn ich wieder “am Tiefpunkt” bin. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum ich mich so “krass” verurteile, wenn ich etwas nicht schaffe. Darüber muss ich mal nachdenken. Ernsthaft! Danke. ♥
      Tatsächlich habe ich mir auch schon überlegt, wieder eine Gesprächstherapie zu machen. Aber irgendwie denke ich mir dann immer: “Meine Problemchen sind so unwichtig im Vergleich zu so vielen anderen und dann nehme ich den wirklich wichtigen Fällen den Platz weg!” Blöd oder? -.-“

  3. Ich kann gerade dieses Gefühl des sich nutzlos fühlens sehr gut nachvollziehen. Ich war selbst nun sehr lange und etwas schlimmer krank und bin gerade erst dabei dafür zu sorgen, dass alles wieder in geregelten Bahnen läuft. Aber das war eine harte und lange Zeit und irgendwann fühlt man sich wirklich einfach nur noch nutzlos. Weil man zu nicht viel mehr in der Lage ist als rumzuliegen. Und irgendwie gesund zu werden. Alles gar nicht so einfach…. Das beeinträchtigt ganz schön das Selbstbewusstsein und ist einfach ein großer Mist. Gerade wenn man sich Menschen gegenüber minderwertig fühlt, die einem sehr nahe stehen…

    1. Puh. Ich weiß gar nicht was ich darauf antworten soll, außer: Ja! Einfach nur ja. Ich hoffe wirklich es geht dir wieder gut und dass du schnell wieder auf die Beine kommst.

      Das Selbstbewusstsein leidet wirklich sehr unter solchen Phasen und es macht das ganze – auf lange Sicht – dann auch nicht einfacher. 🙁

  4. Ich kann gut nachempfinden, was du schreibst. Ich habe das Gefühl auch tageweise. Und bei mir hat es nichts mit dem Abnehmen zu tun. Ich glaube, gerade wir Frauen verlangen zu oft einfach zu viel von uns. Und das dann auch noch in kompletter Perfektion. Dieses Verlangen nach Perfektion, dem Gerechtwerden von allem und jedem um uns herum und dem Anspruch alles schaffen zu wollen, all das lähmt uns dann. Der Grund dafür ist glaube ich sehr einfach: Wir denken, wir könnten alles schaffen und alle Bedürfnisse befriedigen. Die Lähmung, die dann einsetzt, ist nur ein Signal. Ein Signal, das wir viel zu oft ignorieren. Wir müssen lernen darauf zu hören. Und dann darf die Wohnung mal ungeputzt sein, unser Kühlschrank halb leer und die Haare auf halb acht. Na und? Das gleiche gilt übrigens für den Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Dann ist die E-Mail eben nicht heute geschickt. Die Präsentation nicht perfekt und das nächste Meeting eben nicht bis ins kleinste Detail geplant. Und? Stirbt davon jemand? Nein. Das einzige was stirbt ist unsere Motivation und unser Antrieb, wenn wir uns zu viel aufbürden. Die Erkenntnis darüber mündet in meinen Augen nicht ins Uferlose. Sondern in ein Ankommen. Ein Ankommen bei uns selbst. Ein Hören auf die Stimme in uns. Ein Ja auf das Leben und nicht auf das Funktionieren. Dieser Kommentar ist viel zu lang geworden, aber vielleicht hilft er dir, liebe Barbara, und noch vielen sonst. Mir hilft es in Zeiten vom Gefühl der Nutzlosigkeit auf meine Stimme zu hören. Sie zeigt dir den Weg. Immer. 😉

    1. Der Kommentar ist keinesfalls zu lang. Ich danke dir für deine offenen Worte. Vermutlich hast du Recht und ein gewisser Teil dieses Drucks den ich mir mache, rührt wohl vom “Perfekt sein wollen/Alles schaffen können wollen/etc.” – Auch darüber möchte ich mir Gedanken machen, einfach mal in mich hineingehen und mich mit mir selbst auseinander setzen.

      Ich versuche den Druck etwas zu mindern. Habe jetzt mit einem recht guten Plan angefangen und wenn ich mal etwas (gerade vom Haushalt) in der Woche nicht schaffe, dann putze/sauge/wische/… ich es beim nächsten (geplanten) mal einfach etwas gründlicher. Solange ich damit zurecht komme (gut WIR, bin ja nicht allein ^^), sollte das kein Problem sein und erst Recht kein Grund mich so dermaßen unter Druck zu setzen. Wie Paleica schon in ihrem Kommentar sagte “[…] weil das schlechte gewissen und sich verbieten einen auch nicht mehr erledigen lässt.” versuche ich mich einfach daran zu halten, mir nicht zu sehr einen Kopf darum zu machen, wenn halt mal was nicht so geklappt hat. 🙂

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