Gedanken, Tagebuch

Der graue Schleier

Er legt sich über Farben, die tägliche Arbeit und die Hobbys, die eigentlich für Entspannung sorgen. Er verdunkelt sonnige Tage und sonniges Gemüt. Nichts ist vor ihm sicher. Er raubt einem jegliche Energie. Jede Bewegung fühlt sich an, als müsse man zum Marathon antreten. Man schleift seinen Körper hinter sich her.

Man nennt das auch Depression

In der vergangenen Woche hatte ich die schlimmste Depression, an die ich mich erinnern kann. So schlimm, dass ich mich nicht im Stande sah, in die Arbeit zu gehen und rund zweihundert Kunden anzulächeln – und sogar schon in der Jobbörse nach neuen Stellen gesucht habe, bei denen ich das nicht muss. Ein Glück, dass ich an einem der beiden Tage frei hatte und am anderen hab ich mich durchgebissen. Jedoch fühlte sich jedes Lächeln und jede Bewegung an, als würden zehn Kilo Blei an meinen Mundwinkeln und Armen hängen. An diesem Tag schrieb ich einer Freundin, dass ich einfach nicht mehr kann, diesen Zustand nicht mehr aushalte. Ein Zustand der einem inneren Kampf gleicht. Innerlich schreit man, weil man sich bewegen und Leistung bringen will oder einfach nur die Spülmaschine aus- und einräumen – auch wenn es das einzige ist, das man dann schafft. Doch der Körper bleibt still. Als wären sämtliche Verbindungsstellen von Hirn zu Körper ausgestöpselt, durchtrennt, für immer verloren.

Gefangen in der Hilflosigkeit

An solchen Tagen fühlt es sich an, als würde es nie wieder bessere geben und man hätte alle guten verschwendet, als hätte es überhaupt keinen Sinn sich Mühe zu geben um etwas zu ändern und als wären Lethargie und Weinkrämpfe die einzigen Gefühlsregungen zu denen man noch im Stande ist. Man möchte sich verkriechen, aus der Bettdecke eine Höhle bauen und mitten im Sommer einen Winterschlaf halten. Für mindestens sechs Monate. Der Wunsch nach einem Reißverschluss wird immer größer. Einem Reißverschluss mit dem man seine menschliche und depressive Hülle einfach abstreifen kann. Befreit und erleichtert eine neue Hülle wählen, die nicht diesem immensen psychischen Druck ausgesetzt ist. Doch ist mindestens eins davon absolut unmöglich. Man selbst glaubt nicht, die Kraft zu haben etwas daran zu ändern. Man fühlt sich hilflos und gefangen in einem nutzlosen Körper der nicht macht was und wie er soll.

»Du bist so ein Sonnenschein, du kannst nicht depressiv sein. Das glaube ich dir nicht.«

Kaum einer – der nicht selbst das Martyrium einer Depression durchlebt hat – glaubt mir das. Denn ich lächle. Immer. Während ich meine wahren Gedanken zu Tode schweige und über meine tatsächlichen Gefühle eine lächelnde Maske ziehe, tobt in mir ein Sturm. Ein trauriges, wütendes, alles verschlingendes Chaos. Doch mein Mund schweigt still. Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen, nicht das Mitleid aller ernten, keine Aufmerksamkeit erhaschen. Ich möchte für mich sein und das mit mir selbst ausmachen. Denn sobald ich auch nur ein winziges bisschen weniger lächle als normal, spricht mich jeder darauf an. Ich ertrage diese immense Fürsorge nicht. Fühle mich damit überfordert und verschließe mich nur noch mehr. Natürlich gibt es da Ausnahmen, denn den Menschen die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin, denen möchte ich das alles erzählen, sogar entgegen brüllen, wenn wir uns noch nicht gegenüberstehen.

Nicht gesellschaftsfähig

Ich habe gelernt zu lächeln, wenn es mir scheiße geht. Es ist eine Form des Selbstschutzes. Die einen sagen »Passt schon!«, wenn sie nach ihrem Befinden gefragt werden, die nächsten verkriechen sich oder gehen aggressiv – im wahrsten Sinne des Wortes – damit um und dann gibt es Menschen wie mich, die einfach nur lächeln. Negative Gefühle und psychische Erkrankungen sind nicht gesellschaftsfähig, also versteckt man sie. Jeder entwickelt seine eigene Methode dafür. Doch jede dieser Methoden ist anstrengender, als seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Nichts ist befreiender als zu weinen, wenn einem danach ist. Und das sage ich, die nicht einmal vor anderen weinen kann. Dabei geht es nicht um die Krokodilstränen die man verdrückt, weil ein Film traurig ist oder um die Freudentränen auf einer Hochzeit. Sondern um jene – von der Gesellschaft nicht gestatteten – Gefühlsregungen. Ich spreche von den Tränen die man weint, weil man völlig überfordert ist, weil man wahrhaftigen seelischen Schmerz empfindet, weil sich Wut in einem aufgestaut hat und es das einzige Ventil ist bei dem auch das Geschirr, die Möbel oder die Wohnung ganz bleibt.

Dies alles sind Tränen die ich weine und Empfindungen die ich durchlebe, wenn der graue Schleier sich über die Welt legt und alles in Lethargie hüllt.


Bildquelle: Aleksandar Pasaric

10 thoughts on “Der graue Schleier

  1. ach barbara 🙁 es macht mich so traurig, das zu lesen, obwohl ich gerne sagen würde, es überrascht mich. ich hatte ein klein wenig das gefühl, dass etwas im busch ist und es ist gerade so etwas wie der fehlende puzzlestein. ich wünsche dir von herzen, dass der schleier sich bald lichtet. lässt du dir helfen? du musst das nicht alleine durchstehen. ich denke an dich und schick dir liebe und ganz herzliche grüße aus wien!

    1. Danke für dein Mitgefühl Liebes, aber traurig stimmen möchte ich dich natürlich nicht. Niemanden eigentlich. Es war mir einfach ein Bedürfnis das mal raus zu lassen. Im Moment existiert der graue Schleier nicht, glücklicherweise. Es ist bei mir nur phasenweise und glücklicherweise nicht langanhaltend. Ich spreche regelmäßig mit meiner Therapeutin darüber und es ist gut so wie es ist. Auch wenn es nicht immer einfach ist, es bringt mich näher zu mir selbst und hilft mir, mich selbst zu verstehen. Auch dann, wenn ein grauer Schleier aufzieht. Obwohl es sich immer anfühlt, als würde es nie wieder besser werden, weiß ich, dass ich nur durchhalten muss. Dann kommen Tage wie heute, an denen einfach alles in Ordnung ist. (Mein Rücken mal außen vor gelassen. 😉 )

      Vielen Dank für all deine lieben Worte – hier und privat. :-*

      1. ich versuche seit gestern, die richtigen worte zur antwort auf diesen kommentar zu finden. vor allem möchte ich dir sagen: du musst dir nicht den kopf darüber zerbrechen, was der ausdruck deiner gefühle mit anderen macht. ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man sich zeit und raum nimmt und diese gedanken zu ende denkt und sie für sich selbst ordnet. ich verstehe auch, dass du kein mitleid von jemandem willst oder einen dieser unzähligen unsäglichen kommentare von denen, die es nicht verstehen. aber du bist der mittelpunkt deines lebens und deswegen solltest du – zumindest außerhalb des berufslebens – nicht lächeln müssen, wenn dir nicht danach ist. Anderen Menschen ist auch manchmal mehr zuzumuten, als man glaubt 🙂

        ich bin jedenfalls froh, dass es dir ganz aktuell besser geht und dass du unterstützung hast. grade in phasen der aufarbeitung ist es oft nochmal besonders schwierig und diese nebelschwaden nehmen uns all die sicht auf das gute.

        für deinen rücken wünsche ich dir auch gute besserung, von derlei dingen kann ich ja mehr lieder singen, als mir lieb ist 🙁 das ist kein Spaß.

        1. Oh ja. Da hast du mich eiskalt erwischt. Was andere denken oder wie sich andere damit fühlen steht bei mir immer ganz schnell oben auf der Prioritätenliste. Du hast natürlich Recht. 🙂 Ich arbeite daran, mich selbst mehr wert zu schätzen und da zählt für mich auch dazu, anderen nichts vorzugaukeln. Ich selbst zu sein, mit allen Gefühlen die dazu gehören. Es ist nur nicht immer so einfach, man hat es sich über Jahre angewöhnt. Aber (!) es wird besser werden. Vermutlich hast du Recht und ich kann anderen Menschen mehr zumuten, aber ich möchte auch keine Belastung für irgendjemanden sein. Das ist irgendwie alles immer verzwickt oder es fühlt sich zumindest verzwickt an. ^^”

          Ja diese Nebelschwaden sind hinterlistig und gemein. Überhaupt ist Depression ein Arschloch, wenn ich das mal so sagen darf. Aber ich bin ja nicht alleine und muss das auch nicht allein durchstehen, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Aber auch da spielen die Nebelschwaden einem Streiche. Nunja… ich belass es mal dabei, sonst wiederhole ich mich nur und im Kreis drehen macht ja auch keinen Sinn. 🙂

          Mein Rücken ist glücklicherweise nichts schlimmes. Hab mir nur in der Arbeit den Rücken verhoben, wohl den Nerv kurz eingeklemmt und dann war ich erst mal ein Invalide. xD Aber es ist schon viel besser dank Spritze, Wärme und Bewegung. 🙂 Wie geht es eigentlich deinem Rücken aktuell?

          1. oh weißt du, ich denke, da haben wir eine gewisse parallele und das ist halt auch etwas, das viele menschen, die von diesem schleier öfter besucht werden, teilen. den anderen nicht zur last fallen zu wollen, nicht zuviel zumuten. für mich ist das auch schwierig, ich habe selbst bei menschen, die ich lang und gut kenne manchmal angst, “zuviel” zu sein. wenn ich zu sehr ich selbst bin. aber im grunde sollte man sich immer vor augen führen, dass es doch darum geht im leben, um diese zeiten, wo man unmaskiert ist, wo man sich nicht bemühen muss.

            ok na dann nochmal glück im unglück gehabt! ich klopfe auf holz, seit ich meine tabletten nehme, geht es mir damit soweit ganz gut. allerdings waren die nicht als dauerlösung gedacht, das heißt, ich muss da beizeiten schauen, wie das weitergehen kann.

          2. Ich gebe dir absolut recht. Es ist das wichtigste man selbst zu sein und es geht genau um die Zeiten in denen man unmaskiert sein kann. Während ich deinen Kommentar gelesen habe, habe ich eigentlich nur genickt. Ich verstehe ganz genau was du meinst. ♥ Danke für deine lieben Worte!

            Ich drücke dir ganz fest den Daumen, dass das mit deinem Rücken weiterhin besser bleibt oder noch besser: besser wird. Fühl dich gedrückt! :-*

  2. Einfach nur alles Gute und einen kräftig-starken Riesenventilator der die graue Nebelsuppe wegbläst. Ich wünsche dass Deine besten Freunde Dich kräftig beim Nebelentfernen unterstützen und immer für Dich da sind, wenn mal wieder alles völlig ausweglos scheint.
    Ganz herzliche Grüße…….

    1. Vielen lieben Dank. Den Ventilator muss ich mir unbedingt besorgen. Ich werde ihn mir zumindest vorstellen. Vielleicht hilft es ja. 🙂

      Liebe Grüße zurück

  3. Wow, das ist schon ein sehr ehrlicher Text und sicherlich einer, der sich nicht leicht schreiben lies. Gerade in einer Gesellschaft, in der man oftmals das Gefühl hat, dass kein Platz für solche Krankheiten ist (vor allem nicht für welche, die nicht für jeden offensichtlich sind), ist es nicht einfach offen damit umzugehen. Ich wünsch dir wirklich, dass es bald wieder für dich bergauf geht und du viele Menschen um dich herum hast, die dich mit Verständnis unterstützen! Denn zumindest das macht es ein klein wenig besser.

    Oh ja, wir hatten einen wundervollen Urlaub. Einfach perfekt!

    1. Stimmt, es war nicht einfach, hat seinen Tribut gezollt und mich am nächsten Tag stark beschäftigt. Aber auch dieser Artikel dient für mich zur Ver- und Aufarbeitung. Es ist äußerst interessant sich selbst kennen zu lernen und gleichzeitig auch sehr anstrengend, wenn man erst mal begreift warum man bestimmte Dinge tut.

      Ich finde es sehr schlimm, dass psychische Erkrankungen so totgeschwiegen werden, denn sie sind sehr ernst und es leiden sehr viele Menschen darunter. Umso schlimmer, dass man nicht darüber reden kann. Aber genau deswegen will ich es auch einfach offen aussprechen. Ich möchte keinen “Du-weißt-schon-wer” aus einer Krankheit machen, nur weil andere Angst vor dem Unbekannten haben.

      Um ehrlich zu sein geht es aktuell auf und ab. Je nachdem wie sehr mich etwas beschäftigt. Es gibt einfach gute und weniger gute Zeiten, aber ich habe Unterstützung. Sowohl professionelle, als auch von Freunden und Familie.

      Freut mich sehr zu hören, dass euer Urlaub schön war. Bin schon gespannt auf den Artikel, aber den werde ich erst morgen lesen. 😉

      Ganz liebe Grüße und gute Nacht.

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